„Einmal hat er schlafend mit dem Kopf im Essen gelegen und die Tabletten waren auf dem Boden verteilt.“ Dies ist die Aussage eines Betreuers einer Pflegeeinrichtung für geistig behinderte Menschen im Saarland, den wir im Rahmen unseres Forschungsprojektes an der Verbundschule für Gesundheits- und Pflegeberufe der Marienhaus GmbH im Saarland interviewt haben.
Wir- das sind Krankenpflegeschülerinnen und -schüler des Oberkurses „007-Lizenz zum pflegen“. Das Thema unseres Forschungsprojekts lautete: „Vom Erleben behinderter Menschen im Krankenhaus“. Wir haben dieses Thema selbst ausgewählt, da wir aufgrund eigener Erfahrungen in der Ausbildung festgestellt haben, dass Pflegekräfte im Krankenhaus oft unsicher auf behinderte Patienten reagieren und teilweise auch überfordert sind.
Unsere Literaturrecherche zu dem Thema gab erst einmal nicht viel her; uns fiel lediglich ein Artikel in die Hände, in dem von Pflegeerfahrungen körperbehinderter Menschen im Krankenhaus die Rede war. Er bot uns Anhaltspunkte für eine mögliche Befragung, da er kritische Punkte in den Bereichen Kommunikation und Kompetenz des Pflegepersonals aufwarf, was sich mit unseren Erfahrungen deckte.
Wir haben dann folgende Forschungsfrage entwickelt: „Wie wird der Aufenthalt eines behinderten Menschen in einem Akutkrankenhaus von ihm selbst, seinen Angehörigen und Betreuern erlebt?“
Wir befragten nun Bewohner eines Pflegeheims, deren Betreuer und Angehörigeanhand eines Interview- Leitfadens. Hierzu gingen wir in fünf verschiedene Pflegeeinrichtungen und führten Interviews durch, die sich nach den Punkten Kommunikation, Kompetenz, Empathiefähigkeit, Räumlichkeiten, Ressourcen fördern, Körperpflege, Ernährung, Informationsweitergabe sowie Abhängigkeit der Patienten richteten.
Die Aussagen waren sehr differenziert: das Pflegepersonal in den Krankenhäusernwurde einerseits gelobt, andererseits aber auch kritisiert. Es wurden Aussagen getroffen wie: „Besser kann man als Kranker nicht versorgt werden“ oder „man versucht ihn im Rahmen der Möglichkeiten jedes Einzelnen zu motivieren und zu fördern.“ Zusammenfassend können wir sagen, dass die allgemeine Pflege als gut empfunden wird. Natürlich waren wir auf solche Aussagen stolz und freuten uns darüber, dass die Mühe, die sich die Mitarbeiter der Krankenhäuser in denen wir ja auch eingesetzt sind geben auch von den Patientenals sehr positiv empfunden wird.
Leider mussten wir allerdings im Laufe unserer Befragungen feststellen, dass nichtalle so dachten. Wir müssen zugeben, dass es auch einige negative Aussagen gab: „Das Krankenhauspersonal ist mit behinderten Menschen überfordert“ oder „Nett und fürsorglich war das PP, aber sie wussten nicht richtig mit ihm umzugehen, da bräuchte man theoretischen Hintergrund“. Auf die Frage eines Betreuers ob der Patient denn auch Essen angereicht bekommen würde, antwortete eine Pflegekraft nach Aussage des Betreuers mit den Worten: „Nein, dann muss er eben hungern, wir haben keine Zeit für so etwas.“ Es wurde aber auch von den Angehörigen berichtet, dass Sie für manche Mängel in der Pflege durchaus Verständnis haben: „Aber es mangelt halt eben immer an Personal, das muss ich sagen (...) Ja, es ist halt immer zu wenig. Die machen ja ihre Arbeit, aber die Können halt nicht mehr leisten, wie sie wirklich können, wie es geht in der Zeit(...) “
Defizite haben wir auch im Bereich des Entlassungsmanagements sowie der Kommunikation feststellen müssen. So kann es vorkommen, dass weder Betreuer noch Angehörige überhaupt wissen, an welcher Erkrankung der Patient leidet. Auch fehlen oftmals ein Pflegeüberleitungsbogen, der mit in die Einrichtung geht und der wichtige Informationen enthalten kann. Auch werden Bewohner von Pflegeeinrichtungen aus dem Krankenhaus entlassen oder in andere Krankenhäuser verlegt, ohne dass ein Betreuer oder Angehöriger darüber informiert ist: „Sie wurden oft in andere Krankenhäuser verlegt, ohne Absprache. Und manchmal waren sie direkt morgens ohne Ankündigung zu Hause, nur damit sie schnell weg waren, aus dem KH.“
Aber auch der Weg von der Pflegeeinrichtung ins Krankenhaus funktioniert nicht reibungslos: So gibt es in den befragten Einrichtungen keinen Überleitungsbogen,auf dem die Pflegekräfte im Krankenhaus den besonderen Pflegeaufwand desbehinderten Menschen erkennen können. Wenn in diesem Fall auch dann noch kein Betreuer oder Angehöriger den behinderten Menschen ins Krankenhaus begleiten kann, dann entstehen solche Problematiken wie: „unsere Mitarbeiter müssen im Krankenhaus helfen, um Pflege gewährleisten zu können“ (Zitat eines Betreuers).
Wir haben fast ein halbes Jahr an der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung dieses Forschungsprojekts gearbeitet und viele Stunden investiert; neben unseren Ergebnissen, die wir nun auch in den Einrichtungen präsentieren werden, ist uns vor allem eins klargeworden: Wir müssen als Pflegekräfte im Krankenhaus besonders auf diese Patienten eingehen und auch Betreuer und Angehörige intensiv in die Pflege miteinbeziehen, um den behinderten Menschen eine bestmögliche Versorgung im Krankenhaus zu gewährleisten.
Für den Kurs 007-Lizenz zum pflegen: Jochen Mohr